Buch geklaut? Das ist der Preis

LifeStyle

Als Student hatte ich gegenüber meinen Mitmenschen an der Uni einen unschlagbaren Vorteil, den man für vergleichsweise wenig Geld, was den Nutzen anging, einkaufen konnte. Ich hatte die Texte verfügbar, auf die sich unsere Profs bezogen, die anderen nicht. Ich bediente mich eines einfachen Tricks: Ich habe mir alle Bücher, die ich Brauchte gekauft. Mit diesem sensationell einfachen Schachzug war ich in der absoluten Minderheit, aber allen Anderen im Hörsaal meilenweit voraus, denn ich hatte tatsächlich alle Texte verfügbar die ich brauchte, während meine Mitstreiter mit piratisierten Machwerken aus dunklen Quellen, die oft unvollständig und nicht aktuell waren leben mussten.

Der Preis des kostenlosen Lesens

Oft blickten sie sich fragend um, wenn eine Lehrkraft sich auf gewisse Texte bezog, sie hatten einfach keine Ahnung und wurden deshalb zunächst sogar für blöd gehalten. Das hatte natürlich Konsequenzen. Sie bezahlten einen Preis, der weit über die Kosten der Lehrbücher hinaus ging, was mir sehr recht sein konnte. Einige quälten sich auf ihren Linux-Kisten mit schlechten und funktionsgestörten Kopien einer für Psychologen absolut notwendigen Statistik-Software herum um die Lizenz-Gebüren zu sparen oder verloren Geld auf unseriösen Piratenseiten im Internet, bei denen sie erst ihre Kreditkarteninformationen preisgeben sollten, bevor sie eine Gratis-Kopie einer wissenschaftlichen Standard-Lektüre erhalten könnten. Sie drückten sich auf schlechten Piraten-Foren herum, in Facebook-Gruppen von mittelamerikanischen Hochschul-Angestellten, sie kaufen illegale PDF’s bei eBay oder fein gebundene und doch piratisierte Ausgaben bei Amazon. Sie traten File-Sharing-Gruppen auf Telegram bei oder tauschten Bücher und Software via ThumbDrive. Längst hat sich eine ganze Industrie um die Markenrechtsverletzungen gebildet, auch universitätsnahe Copy-Shops gehören eindeutig zu den Gewinnern.

Warez-Bot TeleTransferX frisst Autoren

Eines Tages kam ihnen ein Professor auf die Schliche. Er war einigermaßen verwundert, weil man als Student viele Werke deutlich preiswerter bekommen konnte und über Sammelbestellungen fast nur noch den Papierwert der jeweiligen Ausgaben zu tragen hatte. Er begann uns, so gut er es eben konnte, zu erklären, dass wir im Grunde die Autoren beklauen würden. In meinem Semester kam ich als Einziger für die Mahlzeiten meines Autors auf. Wahrscheinlich ging es ihm nicht besonders gut damit. Die Studenten waren zunächst verwundert, dann aber doch schnell wieder teilnahmslos. Es scherte sie einen Dreck, ob große französische Autoren wie Michel Houellebecq oder protegierte Hohlnieten wie Sibylle Berg und Editoren wie Kerstin Wessel etwas zu Essen bekamen. Gut, bei letzteren wäre es mir auch egal, aber sie brachten die Menschen, die Tag für Tag arbeiteten, sich für uns an Themen heranwagen, die wir lieber nicht ohne fundierte Begleitung bearbeiten möchten um ihren Lohn. Autoren geraten für uns in Abgründe des menschlichen Seins doch wir geben ihnen nichts als unsere Verachtung indem wir sie beklauen, nur um 27 EUR zu sparen? Mein Buch: Ölkäfer inklusive der dazugehörigen drei Ergänzungen ist mittlerweile völlig vom Markt verschwunden. Nur ein paar Untergrund-Piraten haben sie noch auf Lager. Der Telegram-Warez-Bot: TeleTransferX hat sich die Bücher einverleibt. Der Bot ist noch in den Kinderschuhen und wenig bekannt. Doch wenn er läuft, haben andere den Nutzen. Mir bleibt nur die Arbeit. Mein Neues Werk, ist schon fast fertig, zumindest im Kopf. Ich werde es vielleicht sogar zu Papier bringen, doch veröffentlichen? Wozu? Damit sich andere die Taschen damit vollmachen können. Ich bin da noch nicht ganz sicher. Seit 2009, als Buchpiraterie zu einem echten Thema wurde, haben Autoren mehr als 40 % ihres Einkommens verloren. Ich bin in einer Situation in der ich auf die 5.575 EUR von Amazon pro Jahr verzichten kann, ich habe meinen Account dort gekündigt. Schreibt euch eure Scheiß-Bücher doch einfach selbst!

Buch-Piraten sind hohl

Aber es geht hier nicht um mich. An den Unis wird nach, wie vor kopiert bis die Drucker qualmen. Piratisierte Buch-Versionen werden geteilt, nicht gekauft. Digimac, so eine Art Corma oder GvU für Erwachsene, geht laut NEW YORK TIMES von einem Schaden von über 300 Millionen Dollar aus, den die Verlage tragen müssen, pro Jahr. Wir reden hier über Einnahmen, die über 30 Millionen Autoren einfach nicht mehr haben. Das hat dazu geführt, das nicht wenige Autoren aufgaben. Von ihnen wird es keine Veröffentlichungen mehr geben. Somit sind die Studenten, die anfangs noch für blöd gehalten wurden es gar tatsächlich? Fest steht, dass es ohne Autoren und Editoren bald nichts mehr gibt, was man kopieren könnte. Keine Bücher, kein Studium dieser. Buchpiraten sind so hohl, dass die Sonne durchscheint, sie sind reine Reproduzenten, von ihnen ist nichts zu erwarten. Dabei kann man mit Wenig so viel erreichen. Kauft, und zwar direkt bei den Autoren. Amazon, Google, Facebook und eBay haben die perversen Praktiken der Piraten zum Teil 1:1 übernommen (#Spiegelbestbookflat und Amazon) oder nutzen Piratenkonzepte aus. Sie machen damit Milliarden-Gewinne.

Support your local dealer

Wir haben uns samt unserer Leben technokratischen Dämonen ausgeliefert. Sie sind dabei die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören. Müll zum niedrigsten Preis oder sogar kostenlos bekommt man an allen Ecken und Enden. Wir haben uns von unseren Mitmenschen entfernt und vom gegenseitigen Geben und Nehmen, was noch vor nicht allzu langer Zeit unseren Alltag bestimmte. Wir gönnen dem Nächsten nichts mehr und sitzen einsam in unseren Wohn-Höhlen. Wie Schattenmenschen durchstöbern wir das Deepweb nach irgendeinem kostenlosen Unrat.

Beitragsbild: Pixabay Lizenz KaiPilger thx!